SGV: Der So-geht's-Verlag

Mittwoch, 24. April 2019

SGV: Der So-geht's-Verlag

Leseprobe zu "Der perfekte Liebesbrief"

Eine kleine Analogie

Wir befinden uns in der stylischen Werbeagentur Sowieso. Die hat einen brandheißen Auftrag – das Bewerben einer neuen Pralinen-Kreation. Jetzt sitzt die Agentur zusammen und überlegt: "Was macht die Praline besonders? Wie wollen wir das süße Stück verpacken?"

"Verpacken" heißt hier nicht nur in ein knisterndes buntes Stück Folienpapier packen. Es geht auch darum: In welche Worte packt man das Ganze? Wie sprechen die Werber die Pralinennascher an? Und vor allem: Wer sind die Pralinennascher genau? Hierzu wird in der Werbung ein Idealtyp der Zielgruppe gebildet. Und "ideal" heißt hier nicht "perfekt", sondern idealtypisch für die Schnittmenge der gesamten Zielgruppe. Was heißt das nun für Sie?

Auch Ihr Liebesbrief ist eine werbliche Botschaft. Hier bewerben Sie jedoch ein ganz einzigartiges "Produkt": sich selbst! Auch der Empfänger ist etwas Besonderes – schließlich schreiben Sie an jemanden, den Sie lieben. Das macht die Situation für jeden Texter wie geschaffen. Denn viele Grundsätze der werblichen Kommunikation lassen sich auf den Liebesbrief übertragen.

Nicht umsonst spricht man auch hier von "werben". Sie haben – wie sonst nie – eine genaue Vorstellung, wer der Adressat ist, welche Interessen er hat und wie er "tickt". Führen Sie also das vielleicht wichtigste Verkaufsgespräch Ihres Lebens. Schließlich wollen Sie sich selbst an den Mann bzw. die Frau bringen.

 

Die Anrede

Wichtig hier: die sogenannte Tonalität, Ihr Tonfall. Unterschiedliche Menschen wollen unterschiedlich angesprochen werden, der Ton macht die Musik. Wer im Liebesbrief ein pompöses Blasorchester auffährt, im normalen Leben aber eher schüchtern die Blockflöte spielt, wirkt nicht echt.

Sicher, ein Liebesbrief ist etwas Besonderes. Man darf ein bisschen großspuriger sein – aber in der richtigen Tonspur! Ihre Aufgabe ist dabei klar: Sie wollen Ihren Leser "mitnehmen". Folgender kleiner Katalog hilft Ihnen dabei. Erst einmal geht es um die wichtige Frage: Welche Anrede passt wann?

Fall 1: Sie kennen den Adressaten erst kurz

Bei Briefen an jemanden, den Sie erst seit Kurzem kennen, müssen Sie schon bei der Anrede einen Spagat leisten: Vertraut sollen die ersten Worte klingen, eine intime Situation schaffen – aber allzu aufdringlich dürfen sie auch nicht wirken, schließlich kennen Sie sich ja noch nicht lange. Folgende Anreden können Ihren Brief schon in die falsche Richtung lenken, bevor er überhaupt begonnen hat. Kosenamen – also Hasi, Mausi, Bärli etc. – wirken aufdringlich und gestellt.

Der Grund: Geschriebenes und Gesprochenes passen nicht zusammen. Anders formuliert: Wenn Sie im "echten" Leben nicht schon ein paar Mal "Bärli" gesagt haben, bleibt es geschrieben ein Fremdwort. Denn die Schrift darf dem Wort nicht zu weit vorauseilen – ein häufiger Fehler, nicht nur im Liebesbrief. Aber auch bei Carolinchen, Timilein und anderen Verniedlichungen gilt Ähnliches wie für die Kosenamen: Bevor Sie es schreiben, müssen Sie es zumindest einmal schon gesagt haben.

Weiteres No-go: die pseudo-dichterische Verkleidung des Namens, etwa: "Mein Sturm im Wasserglas" oder "Mein Wind im Roggenfeld". Klingt nicht nur nach Werbung für Kaffee, sondern schmeckt auch nach kaltem.

Folgende Anreden sind genau richtig:

Einfach und perfekt: der Name des Adressaten. Auch hier wissen Sie als guter Texter Bescheid: Kein Wort nimmt der Mensch stärker wahr als seinen eigenen Namen. Der Eigenname wirkt wie ein Bild. Denn er wird nicht mehr gelesen, er wird regelrecht gesehen! Und wir müssen hinschauen, ob wir wollen oder nicht.

Übrigens: Nutzen Sie dieses Phänomen auch am Ende Ihres Briefes. Unterschreiben Sie nicht mit unpassenden und künstlich wirkenden Konstruktionen wie "Dein Mausezahn" oder Ähnlichem. Sagen Sie Ihren Namen und beenden Sie den Brief mit "Dein Markus", "Deine Lisa" etc. Der Effekt ist ähnlich wie beim Eigennamen: Je öfter Sie Ihren Namen in Ihren Brief einbauen, desto mehr "sieht" Sie Ihr Gegenüber, desto mehr macht er sich ein Bild von Ihnen.

Das richtige Grußwort ...

... bewegt sich ebenfalls auf dem schmalen Grat zwischen "zu vertraulich" und "zu kühl, zu förmlich". Immer auf der sicheren Seite sind Sie mit "Hallo". Warum? Weil Sie damit das Wort benutzen, das Sie auch beim Reden einsetzen würden. Diese Grundregel gilt übrigens für den gesamten Brief. Wenn Sie der Frau / dem Mann Ihrer Träume auf der Straße begegnen, sagen Sie ja auch nicht "Sehr verehrte Stefanie" oder "Sehr verehrter Stefan".

Kennen Sie sich schon ein bisschen besser, beginnt Ihr Brief mit "Lieber Tim" oder "Liebe Carolin". Denn das "liebe(r)" schafft bereits ein Grundvertrauen und setzt das Gehirn Ihres Lesers auf die richtige Spur.